Schon wieder ein Jahr her... Adventsfeier mit Händels „Messiah“ - Ein Vorschlag zur liturgischen Aufführungspraxis

11.12.2019 |

Händels „Messiah“ komplett und konzertant, das heißt: an einem Abend durchs ganze Kirchenjahr, vom adventlichen Kommen bis zur endzeitlichen Wiederkunft. Vielleicht auch mit dem vagen Gefühl, dass etwa die Passionsstücke ins Adventskonzert nicht so richtig passen. Aber es gibt Alternativen. Prof. Dr. Meinrad Walter, stellvertretender Leiter des Amtes für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg, zeigt in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Musik und Kirche" als gelungenes Beispiel dafür die Adventsfeier 2018 im CB.

Gerade weil Händel den Messias so umfassend darstellt, sind als Ergänzung zur konzertanten Gesamtaufführung auch andere Formate denkbar. Warum nicht einmal diesen oder jenen „Ausschnitt“ als Thema eines Gottesdienstes oder eines „concert spirituel“ mit musikalischen, literarischen und liturgischen Akzenten nebst Gemeindegesang? Denkbar ist sogar eine „Reise“ mit dem Messias durch das Kirchenjahr: Teil I in der Advents- oder Weihnachtszeit, Teil II um Ostern und Teil III im November. Hier soll eine „musikalisch-messianische“ Adventsfeier vorgestellt werden, in deren Mittelpunkt die freudige Erwartung steht. Fünf Aspekte waren in der Vorbereitung hauptsächlich zu berücksichtigen: Erstens sollte der Schwerpunkt Advent gewahrt bleiben, zweitens war die „Komposition“ musikalischer und verbaler Beiträge zu bedenken, drittens sollte die Gemeinde aktiv singend beteiligt sein, viertens war das „Erleben“ stärker zu gewichten als das „Erklären“, fünftens war Rücksicht zu nehmen auf die Möglichkeiten eines „Chorprojektes zum Mitsingen“ für Studierende verschiedener, vor allem theologischer Fachrichtungen.
Vokalsolisten standen ebenso zur Verfügung wie ein Barockorchester. Zunächst fiel der Verzicht auf die lukanische Weihnachtsszene etwas schwer. Aber dann erwies sich Jesajas Verheißung „For unto us a child is born“ in Händels Vertonung als wirkungsvoller und adventlicher Schluss. Ein Beginn mit der Ouvertüre des „Oratoriums aller Oratorien“ ist gewiss gut möglich. Aber warum nicht ein gregorianisch-phrygischer „Auftakt“, der historisch „von weit her“ kommt, und an den sich die Ouvertüre in e-Moll organisch anschließt? Damit ist von Beginn an signalisiert: Wir lassen uns auf eine Vielfalt biblischer, poetischer und musikalischer Stile ein.
Stefan Zweigs berühmte Erzählung über „Händels Auferstehung“ ist gewiss eine romantisch-kunstreligiöse Idealisierung. Aber sie ist doch auch ein poetischer Zugang zu wichtigen Aspekten des Messias. Deshalb waren einige Abschnitte daraus zu hören. Im Blick auf den Gemeindegesang enthält sowohl das Evangelische Gesangbuch wie auch das katholische Gotteslob Händels vierstimmigen Satz „Tochter Zion, freue dich“. Dieser mehrstimmige Gemeindegesang, unterstützt von Chor, Orchester und Orgel, schließt sich bestens an das D-Dur von „O thou that tellest“ an. Eine Art Pasticcio hingegen ist die Verbindung des Gotteslob-Liedes „O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu“ von Helga Poppe mit einem Gedicht der Schweizer Lyrikerin und Ordensfrau Silja Walter (1919–2011). Deren biblisch inspirierte Verse spiegeln zugleich die geografische Situierung des Klosters Fahr am Zürichsee. Hier ein kleiner Ausschnitt aus dieser Meditation „Gebet des Klosters am Rande der Stadt“:
„Jemand muss zu Hause sein, Herr, wenn du kommst. Jemand muss dich erwarten, unten am Fluss vor der Stadt. Jemand muss nach dir Ausschau halten Tag und Nacht. Wer weiß denn, wann du kommst? […] Und jemand muss singen, Herr, wenn du kommst!“ (folgt Liedstrophe: „O Herr, wenn du kommst, …“)
[Silja Walter, Jemand muss zu Hause sein, wenn du kommst, in: Werke, Bd. 11, Freiburg/ Schweiz 2016, S. 507ff.]
Ähnliche Projekte dieser Art sind mit Händels Messiah durchs ganze Kirchenjahr möglich. Und warum nicht nach einigen solchen musikalischen „Messias-Andachten“ dann im nächsten Jahr die komplettkonzertante Gesamtaufführung?
 
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in: Musik und Kirche. Die Zeitschrift für Kirchenmusik. 89. Jg., 2019, Heft 6 , S. 380f.