Semestereröffnung: Start in ein außergewöhnliches Semester

11.05.2020 |

Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade: Am Montagabend starteten wir mit der Eröffnungsexhorte, einer hl. Messe und der Hausvollversammlung in ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Semester.

Dass einiges anders ist als gewohnt, zeigte sich schon beim Betreten der Aula, in der Regens Christian Würtz seine Semestereröffnungsexhorte hielt. Die Stühle standen meterweit auseinander, der Sicherheitsabstand wurde gewährleistet, wie auch in der Kirche und im Speisesaal. Zu Beginn erläuterte der Regens auch weitere von der Hausleitung beschlossene Maßnahmen, die eine Infektion mit dem Coronavirus weitestgehend ausschließen sollen. „Als wir zur Schlussexhorte des Wintersemesters 2019/20 zusammengekommen waren, ahnte von uns wohl noch niemand, wie sich die Welt während der Semesterferien verändern wird und dass wir uns nun mit einigen Wochen Verspätung wiedersehen werden.“, so Würtz.
Dann führte er einige Punkte an, die darauf Bezug nahmen, was denn die Pandemie Christen und Theologen sagen kann. „Es ist vielleicht fast noch ein wenig früh, hier umfassend Stellung zu beziehen. Aber einige Fragen drängen sich geradezu auf, andere Punkte scheinen mir doch schon offenbar zu sein“, meinte der Weihbischof. Es bleibe jedoch die Frage, die wir uns bei großen und kleinen Katastrophen, Unglücksfällen, Krankheiten usw. immer wieder stellen: Warum lässt Gott das Leid zu? Wo ist Gott im Leid? Auch wenn wir solche Fragen nicht vollumfänglich beantworten könnten, rief der Regens dazu auf, sich den Fragen zu stellen und sowohl im Gebet als auch auf einer wissenschaftlichen Ebene nach Antworten zu suchen.
Gott könne auch auf krummen Zeilen gerade schreiben: „Wir leben in einer Zeit, in die wir als eine krumme Zeit erleben, eine Zeit, in der vieles aus den Fugen geraten ist. Ich habe mich daher immer wieder in den letzten Tagen und Wochen gefragt, wie Gott auch in diesen schlimmen Zeiten etwas zum Guten führen kann, wie er etwas gerademachen kann.“, sagte Würtz und gab den Seminaristen mehrere Punkte mit auf den Weg: Die aktuelle Situation könne den Einzelnen und die Gesellschaft zu einem Bewusstseinswandeln und zum Hinterfrage des eigenen Lebensstils führen und zeigen, dass es letztlich keine Selbstverständlichkeiten gibt. Außerdem könne die Pandemie unser Bewusstsein zur Natur, zur Schöpfung Gottes verändern. „Die Pandemie hat uns in den letzten Tagen auch vor Augen geführt, was wir an sich wissen könnten, was wir aber oft nicht an uns heranlassen, dass es nämlich auch bei uns Menschen gibt, die letztlich ausgebeutet werden.“
„Die Corona-Pandemie hat uns als Kirche vor große Herausforderungen gestellt, nicht zuletzt im Hinblick auf unsere Gottesdienstpraxis. Auch hier kann es zu einem Bewusstseinswandel oder zu einer Bewusstseinsvertiefung kommen. Was ist uns als Kirche wichtig? Die Feier der Eucharistie, das gemeinsame Gebet, die Anwesenheit Jesu Christi in der Versammlung, die ja schon bei zwei oder drei gegeben ist, die caritativen Einsätze?
Ein weiterer Punkt, über den sich gerade von theologischer Seite noch tiefer nachzudenken lohnt, ist das, was Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble thematisiert hat. Was ist der höchste Wert, den wir haben? Ist es das Leben eines Menschen, oder ist es seine Würde? Oder ist es sein Einkommen? Oder was ist es? Als Theologen sind wir, ausgehend vom christlichen Menschenbild aufgerufen, zu dieser Diskussion einen Beitrag zu leisten. In diesen Tagen, ebenso wie rund um den Jahreswechsel oder bei Geburtstagen, hört man oft den Wunsch nach Gesundheit. Und oft wird diesem Wunsch hinzugefügt: das ist das wichtigste! Ich frage mich allerdings oft, ob das wirklich stimmt. Ist Gesundheit, ist das Leben wirklich das Wichtigste?“